


Aufgegebenes Projekt:
Neubau Steinkohlekraftwerk in Wilhelmshaven
Betreiber: E.on
Verhinderte CO2-Emissionen: 3,1 Mio. t
Erfolgsrezept: Mangelnde Wirtschaftlichkeit, Kraftwerk technisch nicht umsetzbar, engagierter lokaler Protest

Im April 2010 gab der Energiekonzern E.on bekannt, seine Pläne für ein neuartiges, sogenanntes „50+ Kohlekraftwerk“ in Wilhelmshaven zu stoppen. Gegen das Kohlekraftwerksprojekt gab es in der Region massiven Protest. Mit Großdemonstrationen und der Sammlung von Unterschriften protestierten Bürger gegen die Kohlepläne. Zuletzt gründete sich eigens eine Initiative von Ärzten aus der Region um auf die gesundheitlichen Auswirkungen aufmerksam zu machen.
E.on kündigte im September 2007 an, in Wilhelmshaven einen neuen Prototyp bauen zu wollen. Das sogenannte Vorzeigeprojekt "Kraftwerk 50plus" sollte das weltweit erste Kohlekraftwerk mit einem Nettowirkungsgrad (ohne den Energieeigenbedarf des Kraftwerks) von über 50 Prozent und einer elektrischen Leistung von 550 MW sein. Umweltverbände bezweifelten schon bei Verkündung den volkswirtschaftlichen Nutzen des als „50+“ bezeichneten Demonstrationsprojekts. Am 24. Januar 2008 veröffentlichte E.on auch Pläne für eine „Ertüchtigung“ des bestehenden 750 MW Kohlekraftwerkes was bedeutet, dass das Kraftwerk in absehbarer Zeit nicht außer Betrieb genommen wird.

Im November 2007 haben sich Bürger aus allen Stadtteilen Wilhelmshavens zur Bürgerinitiative (BI) „Zeche Rüstersieler Groden“ zusammengeschlossen. Der Name bezieht sich auf den Standort für die geplanten Kohlekraftwerke. Kurze Zeit später gründete sich Ende 2007 die „Ärzteinitiative Wilhelmshaven gegen 4 Kohlekraftwerke – für Klimaschutz“ mit über 100 Mitgliedern. Die Mediziner organisierten Informationsveranstaltungen und warnten vor den Gesundheitsgefahren der geplanten Kohlekraftwerke. In einem offenen Brief sprachen sich 118 Ärzten und Zahnärzte aus Wilhelmshaven und Friesland gegen die Wilhelmshavener Kohlekraftwerksplanungen aus und warnten vor den gesundheitlichen Folgen für die Bevölkerung und den Folgen für das KlimaDie Bürgerinitiative und die Mediziner kritisierten massiv die Verweigerungshaltung der Wilhelmshavener Parteien SPD, CDU und FDP, sich konstruktiv mit der Kritik und den Bedenken der Bürger in Bezug auf die Kohlekraftwerksvorhaben auseinander zu setzen.
Selten stellten Ratspolitiker von CDU, SPD und FDP sich so massiv hinter die Kohlepläne der Energiekonzerne wie in Wilhelmshaven. Dagegen äußerten sich auf Parteienseite nur die Grünen und die Linkspartei.
In Wilhelmshaven gab der Rat am 6. Februar 2008 mit der Verabschiedung des „Bebauungsplans 212 Rüstersieler Groden“ gleich für mehrere Kohlekraftwerks-Neubauten einen Freibrief. Die Stimmen von CDU, SPD und FDP ermöglichten damit den Neubau von Kohlekraftwerken mit einer Gesamtleistung von über 4.000 MW! Neben den bereits im Genehmigungsverfahren befindlichen Projekten hat GDF Suez hat noch die Möglichkeit, einen zweiten Kraftwerksblock (830 MW) zu bauen und auch E.on hat eine Option auf den Bau eines weiteren Kohlekraftwerks (1.200 MW). Obwohl der Rat ein solches Ausmaß an neuen Kohlekraftwerksplanungen bauplanungsrechtlich absicherte, wurden die Bedenken der Bevölkerung einfach vom Tisch gewischt. Der Oberbürgermeister tat die Bedenken der Ärzte als „Panikmache“ ab.
Im September 2008 initiierte E.on ein „Kraftwerksforum“. Nach eigenem Bekunden wollte E.on verstärkt mit den Akteuren der Region zum geplanten Neubauprojekt in Dialog treten. „Ziel des Forums ist es, die verschiedenen Themen rund um den Kraftwerksneubau zu diskutieren und gemeinsame Lösungen zu erarbeiten“, erklärte Dr. Holger Bräuer, Leiter des Kraftwerks Wilhelmshaven . Doch das Kraftwerksforum geriet zur Farce weil E.on nicht zu ernsthafter Gesprächen bereit war. Bereits im Januar 2009 erklärte die Bürgerinitiative „Zeche Rüstersiel“ den Ausstieg aus dem „Forum“. Peter Sokolowski: “Wir hätten uns eine öffentliche lange Debatte mit den Beteiligten Menschen und Gemeinden gewünscht. Dies alles hätte, wenn man wirklich den Dialog suchen würde, weit im Vorfeld der Planungen passieren müssen. Der überhastete Beschluss des Rates der Stadt, zur Änderung der entsprechenden Bebauungspläne, hätte so nicht getroffen werden dürfen. Jetzt im Nachhinein Aufklärungsarbeit vorzuheucheln halten wir für eine Farce”. Die Veranstaltung sah die Zeche Rüstersiel als Maßnahme im Rahmen der E.on - „Greenwashingkampagne“, in der der Konzern versucht, Kohlekraftwerke salonfähig zu machen, um damit Steinzeittechnologie in den Köpfen der Menschen als Notwendigkeit zu verankern und die Gegner für sich zu vereinnahmen. Nach der vierten Tagung des „Kraftwerksforums“ erklärte im März 2009 auch die „Ärzteinitiative Wilhelmshaven gegen 4 Kohlekraftwerke – für Klimaschutz“ den Austritt aus dieser Veranstaltung.
Trotz des ausgerollten „roten Teppichs“ für neue Kohlekraftwerke durch die lokalen Politik, verkündete E.on Anfang April 2010 überraschend das Aus für das Kohlekraftwerksprojekt. Gegenüber der Nordwest-Zeitung erklärte der Projektleiter Martin Fischer: „E.on ist nach eigenen Angaben weiter vom Erfolg der 700-Grad-Technik überzeugt, hat aber nach Materialversuchen festgestellt, dass weder die Werkstoffe noch die Arbeitssicherheit in einer solchen Weltneuheit ausreichend gewährleistet wären; von einer Wirtschaftlichkeit einmal ganz zu schweigen.“
Wie geht es weiter?Nach Angaben von E.on seien für das seit 1975 bestehende E.on Kraftwerk eine Verlängerung der Laufzeit um fünf bis zehn Jahre oder der Bau eines ganz neuen Kraftwerks möglich. Frühestens in fünf Jahren wolle man eine Entscheidung darüber fällen.
Darüber hinaus droht Wilhelmshaven ein weiteres neues Kohlekraftwerk von GDF Suez, das sich zur Zeit bereits im Bau befindet. Die Bürgerinitiative "Zeche Rüstersiel" hat also noch genug zu tun